STRATEGIE

Factfulness und Fehlermanagement

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»Dümmer als die Affen« – das ist das Resultat zahlreicher Wissenstests, die der schwedische Wissenschaftler und Autor Hans Rosling in den letzten Jahren weltweit bei den unterschiedlichsten sozialen Gruppen durchgeführt hat. Ganz gleich ob Lehrer, Studenten, Nobelpreisträger, Gewerkschafter oder internationale Wirtschaftslenker – egal ob in Deutschland, den USA, Japan oder Ungarn: Im Multiple-Choice-Verfahren wählen Menschen bei seinen zwanzig Wissensfragen zum Zustand unserer Welt ziemlich zuverlässig weniger richtige Antworten aus drei Möglichkeiten, als es Affen nach dem Zufallsprinzip könnten. Und wenn man selbst den Test macht und ehrlich ist – nun ja …

Für Rosling, der als Arzt seit Jahrzehnten in internationalen Projekten der Gesundheitsvorsorge arbeitet, war das eine äußerst beunruhigende Erkenntnis. Wie soll man richtige Entscheidungen treffen, wenn selbst gut informierte Menschen so oft die Lage falsch einschätzen? Und noch schlimmer: Mitunter zeigten die Umfragen, dass gerade die gründlich Informierten gründlich falsch informiert waren.

Um diesem Trend Einhalt zu gebieten, hat Rosling mit seiner Gapminder Foundation unter dem Titel »Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist« ein Buch herausgegeben, mit dem er einiges Aufsehen erregt. So bezeichnet Microsoft Gründer Bill Gates, der sein Milliardenvermögen seit Jahren für Entwicklungsprojekte einsetzt, das Buch als »One of the most important books I've ever read ― an indispensable guide to thinking clearly about the world.« Gates beließ es nicht bei warmen Worten, sondern stellte jedem Absolventen eines US-Colleges 2018 ein Exemplar des Buches zur Verfügung.

Im Wesentlichen dreht sich »Factfulness« darum, zehn weitverbreitete Fehler zu vermeiden. Rosling bezeichnet sie als

  1. Instinkt der Kluft
  2. Instinkt der Negativität
  3. Instinkt der geraden Linie
  4. Instinkt der Angst
  5. Instinkt der Dimension
  6. Instinkt der Verallgemeinerung
  7. Instinkt des Schicksals
  8. Instinkt der einzigen Perspektive
  9. Instinkt der Schuldzuweisung
  10. Instinkt der Dringlichkeit

Rosling selbst bezeichnet sich als Possibilist – er will nicht blind optimistisch sein und Probleme leugnen, sondern sie zu überwinden helfen. Damit ist er nichts anderes als ein Qualitätsmanager in globalem Maßstab. Könnte man von seinen Tipps für den Weg zu einer besseren Welt vielleicht ein paar für die gute Praxis der Qualitätssicherung mitnehmen? Man sollte solche Analogien sicher nicht überstrapazieren. Einige der Punkte treffen nur auf die Entwicklungspolitik zu (ein Begriff, den der Autor auch kritisch sieht).

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So versteht Rosling unter dem Instinkt der Kluft das Gefühl, dass die Welt in zwei Teile – Entwicklungsländer und entwickelte Länder – zerfällt, die sich klar unterscheiden und zwischen denen es eine Lücke bspw. beim Pro-Kopf-Einkommen gibt. Tatsächlich aber verteilen sich die Länder über das ganze Spektrum, wobei die meisten in einem mittleren Bereich liegen und es innerhalb der Länder große Unterschiede gibt, was die Gapminder Foundation eindrucksvoll in ihrer Dollarstreet visualisiert. Das hilft für das Qualitätsmanagement wenig.

Hilfreicher ist da schon die Warnung vor der Verallgemeinerung. Der Instinkt der Verallgemeinerung führt dazu, Leute (oder Dinge) in einer Gruppe über einen Kamm zu scheren und andererseits Unterschiede zwischen den Gruppen überzubetonen. Die Qualitätssicherung darf sich nicht in Sicherheit wiegen, auch wenn die Arbeit eines bekannt zuverlässigen Mitarbeiters kontrolliert wird. Ebenso verdienen auch Standardaufgaben, die schon unzählige Male funktioniert haben, trotzdem volle Aufmerksamkeit.

Wenn Fehler oder Probleme festgestellt wurden, muss man dem Instinkt der Schuldzuweisung widerstehen. Die Qualität verbessert sich nicht durch die Suche nach einem Sündenbock – vielmehr muss man Strukturen und Methoden implementieren, die eine Wiederholung der Fehler verhindern.

Selbstredend hat Schicksalsergebenheit im Qualitätsmanagement nichts verloren. Das gilt sowohl für ein fatalistisches »Das war schon immer so, da kann man nichts machen« wie für ein laxes »Et kütt, wie et kütt«. Der Instinkt des Schicksals könnte dazu führen, dass man neue Methoden und Tools übersieht, die einen Wandel ermöglichen würden. Man sollte sich über solche Neuerungen stets auf dem Laufenden halten. Und von Zeit zu Zeit zumindest gedanklich einen Vergleich mit länger zurückliegenden Zeiten anstellen, um Veränderungen zu erkennen. Gerade für das Qualitätsmanagement (QM) und die Qualitätssicherung (QS) gilt das für mögliche negative Entwicklungen, die sich unbemerkt einschleichen, genauso wie für positive.

Schließlich sind ein kühler Kopf und eine strukturierte Arbeitsweise ein probates Mittel gegen den Instinkt der Dringlichkeit. »Kaum etwas verzerrt die Weltsicht so sehr wie Dringlichkeit«, warnt Rosling. Sie lässt abwechselnd blinden Aktionismus oder Apathie angesichts der hoffnungslosen Lage entstehen. Natürlich hat Dringlichkeit auch ihre Berechtigung, aber wenn sich Tasks türmen und weitere To-dos unablässig eingekippt werden, gilt gerade nicht »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«.  Hier heißt es, Prioritäten zu setzen, z. B. danach, ob es Aufgaben im Entwicklungsbereich oder in Produktivsystemen sind, und genug Zeit für die gründliche Umsetzung jeder Aufgabe einzuplanen.